Kollisionen mit der Realität
„After the revolution, who’s going to pick up the garbage on Monday morning?”, fragte Mierle Laderman Ukeles im Jahr 1977. Da hatte die US-amerikanische Konzeptkünstlerin die „Maintenance Art“ bereits erfunden, bei der alltägliche Handlungen zu Kunst erklärt werden konnten, was insbesondere die Care-Arbeit miteinbezog. Auch fünfzig Jahre später bleibt die Frage, wer – nachdem Bahnbrechendes stattfand – den Müll wegräumt, virulent. Und schnell keimt der Verdacht, diese undankbare Aufgabe könnte wieder einmal an den Frauen hängenbleiben.
Franziska Nast und Axel Loytved lernen sich 2005 in der Haifischbar in Braunschweig kennen und studieren nahezu zeitgleich in der Bildhauereiklasse von Raimund Kummer. 2009 kommt es mit „Dirty Dancing“ zu ihrer ersten Gemeinschaftsarbeit: In einer Performance ohne Publikum tanzen sie 12 Stunden lang auf einem aus 20 weißlackierten Schallplatten arrangierten Dancefloor. Am Morgen danach entsteht per Selbstauslöser ein Foto, das ein zwar müdes aber beneidenswert lässiges Paar zeigt – beide mit Sonnenbrille, sie im Tigerstreifen-Catsuit und auf High Heels. Kein Set-Designer hätte das als Performance-Bühne fungierende Zimmer prägnanter gestalten können, es ließe sich im Londoner East End denken oder in Brooklyn, aber in Braunschweig?
Bis 2011 pendeln Loytved und Nast zwischen der „Löwenstadt“ und Hamburg, wo sie noch während des Studiums den Kunstverein St. Pauli gründen: Im interdisziplinären Kollektiv realisieren sie Ausstellungsprojekte und Kunstaktionen, zunächst einige Jahre in einem Space direkt auf der Reeperbahn, später im öffentlichen Raum. Dabei verfolgt das Power Couple eine ganzheitliche Idee, will Leben und Kunst zusammenbringen und zwar am liebsten in Gestalt selbstorganisierter und kollaborativer Modelle. Mit der Geburt der beiden Kinder 2013 und 2017 verändert sich die Situation, durch die Schwangerschaften entstehen „Lücken“ in Nasts Künstlerinnenbiographie, Geld will verdient werden, und ein gleichberechtigt lebendes Paar, das es ernst meint mit dem Feminismus, muss nun immer wieder neu verhandeln, wer ins Atelier geht und wer zu Hause bleibt. Der Ausstellungstitel „Apocalypse & Morgenroutine“ spielt entsprechend nicht nur auf die Kollision des individuellen Tagesablaufs mit den Nachrichten vom Weltgeschehen an, sondern auch auf den Alltag als Paar und Familie.
Eben diesen Alltag nutzt Nast als Ausgangsmaterial für künstlerische Arbeit, so zum Beispiel in „Familienaufstellung“: Drei ausgewählte Motive aus dem Familienalbum hat sie jeweils 200 Mal übereinander tapeziert, so dass blockhafte Wandobjekte entstanden sind, in denen die immer gleiche, monotone Handlung gespeichert bleibt. Wir kennen dieses Überkleben von Plakaten, die im öffentlichen Raum Veranstaltungen ankündigen – ein Zeitlichkeit repräsentierender Prozess, der auch Axel Loytved immer wieder interessiert. Seine aktuelle „Malerei“ entsteht auf MDF-Platten und Blechen, die vorher an Zäunen und Wänden als Untergrund für Plakate dienten, urbane Reste, auf die Loytved Farbschichten aufträgt, sie dann wieder abreibt oder -schleift.
Eine weitere in der Ausstellung vertretene Gemeinschaftsarbeit von Nast und Loytved ist der Film „Montag versuchen, wenn nicht, dann Dienstag“: Gedreht im Jahr ihrer Paarwerdung 2006, geschnitten und fertiggestellt 2021, erleben wir die zwei in unterschiedlichen inszenierten Situationen (u.a. am Frühstückstisch, beim Yoga oder Klettern), jeweils im Partnerlook. Eine schrille Spießigkeit bei gleichzeitig glamourösem Auftritt spricht aus diesen Bildern, einzelne, rätselhafte Sätze treten hervor und verwehen wieder. Die Lust an Opulenz, an Albernheit und spielerischem Experiment vermittelt den Eindruck einer von Anfang an enorm produktiven Komplizenschaft zwischen Franziska Nast und Axel Loytved, einer gegenseitigen Inspiration, die über die Jahre bei beiden eine im besten Sinne überbordende künstlerische Praxis freigesetzt hat. Wir können davon ausgehen, dass sie den Müll auch in Zukunft gemeinsam wegräumen.
Text: Dagrun Hintze
Axel Loytved (*1982 in Bad Mergentheim) verwandelt Alltagsgegenstände in autonome Kunstobjekte, viele seiner Materialien entstammen der Konsumwelt. Dieser setzt Loytved spielerische Experimente entgegen und erzeugt so unvorhersehbare, zufällige Formen.
Er studierte an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig und wurde 2010 mit dem Meisterschülerpreis ausgezeichnet. Es folgten der NORDWEST Kunstpreis der Kunsthalle Wilhelmshaven (2011), das Arbeitsstipendium der Stadt Hamburg (2012) und das Stipendium der Kunststiftung Baden-Württemberg (2013). Loytveds Arbeiten wurden u.a. in der Sammlung Falckenberg Hamburg, im Essener Museum Folkwang, dem Bonnefantenmuseum Maastricht, dem Museum Ostwall in Dortmund, dem Kunstverein Braunschweig, dem Kunstverein Ludwigsburg und dem Kunstverein Wolfsburg gezeigt. Werke von Axel Loytved sind in der Sammlung der Hamburger Kunsthalle vertreten. 2022 wurde er als Professor für Künstlerische Grundlehre an die Muthesius Kunsthochschule in Kiel berufen.
Franziska Nast (*1982 in Halle, aufgewachsen in Hamburg) versammelt Fundstücke, autobiografisches Material, kunstgeschichtliche Referenzen und Motive der Pop- und Subkultur in einem Archiv aus Texten, Skizzen, Zeichen, Fotos und Objekten. Aus feministischer Perspektive fokussiert sie aktuelle Diskurse mit den Schwerpunkten Care, Gender und Nachhaltigkeit.
Franziska Nast arbeitet als Designerin, Buchgestalterin, Tätowiererin und Bildende Künstlerin. Bis 2011 studierte sie Freie Kunst und Kommunikationsdesign an der HBK Braunschweig. Sie hat national und international ausgestellt, darunter im Kunstverein Wolfsburg (2024), im Kunsthaus Hamburg (2021) oder im Kunstverein Miagao, Philippinen (2020). Ihre erste museale Einzelausstellung fand 2023 im Arp Museum, Bahnhof Rolandseck, statt. Sie erhielt mehrere Stipendien und Auszeichnungen, darunter das Hamburger Zukunftsstipendium (2021), das NEUSTART KULTUR-Stipendium der Stiftung Kunstfonds (2022) und den Kunstpreis der Stadt Nordhorn (2025).